Führt die Feder wie ein Filiermesser: Andreas Turner, Journalist, Corporate Publisher, Buch-Autor und seit 2015 Mitinhaber der RedAct Kommunikation AG. Was ihm missfällt, wird fachgerecht zerlegt und landet auf dem brandheissen Grillrost seiner «BadAss»-Kolumne. Und das muss weder mit dem Thema BBQ in Verbindung stehen, noch mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.
Führt die Feder wie ein Filiermesser: Andreas Turner, Journalist, Corporate Publisher, Buch-Autor und seit 2015 Mitinhaber der RedAct Kommunikation AG. Was ihm missfällt, wird fachgerecht zerlegt und landet auf dem brandheissen Grillrost seiner «BadAss»-Kolumne. Und das muss weder mit dem Thema BBQ in Verbindung stehen, noch mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Siebentausend Meter über München in der Niki»-Business-Class: Meinem ebenso wollhaarigen wie schamroten Sitznachbarn fiel gerade der dritte Gang aus dem Gesicht. Dabei hatte ich mir nur die Bemerkung erlaubt, dass sein «Filet Wellington» eine besonders gelungene Verwertung eines stückweise geborgenen Unfallopfers sei: «Mahlzeit, der Herr! Für den altersschwachen Gaul muss es eine Erlösung gewesen sein, als er gleich hinter Warschau von einem heranbrausenden Schnellzug erfasst wurde.» 

Die hochbeinige Flight Attendant schrubbte bei unerschütterlich guter Laune die Sitzbezüge seines Recaro-Gestühls sauber. Ich schenkte ihr mein entwaffnendstes Lächeln: «Ist diese zermantschte Käsesoufflee-Peinlichkeit in meinem formschönen Chihuahua-Hundenapf das Amuse-Bouche oder ein angewandter Witz?» Gleichzeitig durchfuhr es mich: Woher nehmen diese kommerziellen Luftibusse eigentlich das Recht, so viel geballte Plastikpampe als «Fünf-Gänge-Menü» zu verkaufen?

Noch vor überschaubaren 6000 Jahren sah sich der Mensch von der schlichten Vision getrieben, mit weniger Muskelschmalz von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Er setzte sich hin und erfand nacheinander das Rad, den Verbrennungsmotor und das Senioren-GA. Doch je weniger das Reisen mit der Notwendigkeit des Fortkommens zu tun hatte, desto wichtiger wurden die Begleitumstände. «Der Weg ist das Ziel», philosophierte der Mensch, setzte sich erneut hin und erfand – das bewegte Essen.

Es ist hier weder von Stabmixern noch von Tortenschlachten die Rede, sondern von vorsätzlicher Nahrungsaufnahme in voller Fahrt, die in Mittelklasse-Familien weltweit geradezu kultischen Charakter angenommen hat. Anders lässt sich zum Beispiel die Proviant-Plackerei meiner litauischen Schwägerin nicht entschuldigen, die zu jedem motorisierten Familientürk einen müffelnden Fresskorb mitreisen lassen muss: Nach der ersten Stunde schwitzen die Kinder mit den Käse-Sandwiches um die Wette. Nach der zweiten nehmen sie die Farbe der rasant verwesenden Bananen an. Und am Ziel riecht das Auto regelmässig wie eine Sondermülldeponie nach Tod und Verderben.

«Kafisändwitschmineral!»

Aber was ist das schon gegen die Bordverpflegung der SBB! Zwar sind die rollenden Minibars längst dem Aussterben preisgegeben, doch immer noch rumpeln einige davon zwischen Genf und St. Gallen exakt drei Mal durch den ganzen Zug. «Kafisändwitschmineral!»

Heute steht das Gros der einstigen Kapselkaffee-Kapitäne hinter niedlichen Kunstmarmor-Theken im Bord-«Bistro». Das klingt nach frischer französischer Zwiebelsuppe. Aber eben, es klingt nur so. Schmecken tut’s nach halb gegarten Plastikbeuteln. Im InterCity darf sich offenbar jeder «Koch» nennen, der in der Lage ist, die Etiketten auf den Alu-Packungen zu entziffern, das Modell «Premium Rindernudeltopf» in die Mikrowelle zu werfen und beim Kassieren nicht rot zu werden.

Soll der Bordfrass eine Ablenkung von drohenden atlantischen Tief-Ausläufern sein?

Warum tun wir uns das an – im Auto, Zug und Airbus? Niemand wird auf dem aviatischen Katzensprung von Wien nach Zürich von derartigen Hungersnöten überfallen, dass er sich nicht mehr in ein gepflegtes Restaurant am Zielort retten könnte. Soll der Bordfrass eine Ablenkung von drohenden atlantischen Tief-Ausläufern sein? Ein Lackmustest für menschliche Schöpferkraft? Nudelauflauf in der Troposphäre? Oder nur ein (Brech-)Mittel gegen den Linienflug-Blues?

Aus den Augenwinkeln fixierte ich die zerstückelten Leichenteile im Menü-Müll meines Sitznachbarn, der nun brav seinen synthetischen Marmeladen-Keks verschlang, und sagte zu ihm: «Kadavergehorsam. Stimmt’s?» Ich bin sicher, er hat mich nicht verstanden.

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